Klima-’Konsens’ - (IV) Ergänzungsteil III

Aktualisiert: Feb 28


Klima-’Konsens’ - Kritische Sicherung der zentralen wissenschaftlichen Belege (IV)


Re:look–Analyse

von Philipp Lengsfeld

5. Januar 2020


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Ergänzungsteil - III


Analyse der 2019-Powell-Publikation (‚Konsens jetzt bei 100%‘-Veröffentlichung)


Am 20. November 2019 erschien im Bulletin of Science, Technology & Society (BSTS) eine weitere Arbeit von James Powell, die man als den Schlussstein der ‚Konsens‘-Serie begreifen kann. Das Postulat wird schon im Titel aufgestellt: „Scientists Reach 100% Consensus on Anthropogenic Global Warming“ (Powell 2019). Auch diese Arbeit soll einer kritischen Prüfung unterzogen werden.


Das Powell 2019–Postulat: Einstimmigkeit


Die 2019-Powell-Veröffentlichung knüpft direkt an die beiden vorherigen Powell-Arbeiten an (Powell 2015, Powell 2016), die im Ergänzungsteil III der re:look-Konsens-Analysen-Serie evaluiert wurden (re:look 2018). Postulierte Powell in seinen vorherigen Papern auf Basis von reklamiertem eigenhändigem Durchsehen von 24.210 Abstracts von Originalpublikationen zu Klimawandel oder globaler Erwärmung aus den Jahren 2013 und 2014 (Powell 2015) und in Ergänzung von weiteren 3.517 Abstracts/Originalarbeiten aus 2012 und 14.524 Abstracts/Originalarbeiten aus 2015 (Powell 2016) einen ‚Konsens‘ von >99,9%, basierend auf der Zahl von Arbeiten, die er, James Powell, als ‚rejection of anthropogenic global warming‘ eingestuft hat, so basiert die letzte und neuste Veröffentlichung von James Powell auf 2019er Veröffentlichungen.


James Powell durchsucht die 2019 Veröffentlichungen von Januar bis Anfang August und findet 11.602 Publikationen zum Thema Klimawandel/globale Erwärmung. Interessanterweise ändert der über 80ig-jährige, verdiente Wissenschaftler und Wissenschaftsmanager aber für diese Arbeit seine Herangehensweise. Statt zu behaupten, dass er alle Abstracts tatsächlich gelesen hat, wie er es in den beiden vorherigen Publikationen getan hat und was in der re:look-Analyse als eine zentrale Schwachstelle ausgemacht wurde (für eine nur 5 minütige Beschäftigung pro Abstrakt/Publikation hätte James Powell für seinen 2013/2014-Datensatz geschätzt 9 Monate Arbeitszeit benötigt), schreibt James Powell jetzt ganz offen: „To read even the abstracts would be a daunting and time-consuming task subject to fatigue and error.“ Daunting übersetzt dict.leo.org mit ‚entmutigend‘, ‚respekteinflößend‘ oder ‚hoffnungslos‘. James Powell bestätigt aus meiner Sicht mit diesem Satz die re:look-Kritik an seinen beiden vorherigen Veröffentlichungen und gesteht indirekt ein, dass die ursprünglich postulierte Durchsicht von 24.210 Abstracts der Jahre 2013/2014 (Powell 2015) und weiterer 18.041 Abstracts der Jahre 2012 und 2015 (Powell 2016) so wohl nicht stattgefunden hat. Und selbst wenn James Powell sich einbildet, alle 42.251 der Jahre 2012-2015 überflogen zu haben, so muss man ihn selbst beim Wort nehmen: Die daraus gezogenen Schlussfolgerungen sind ‚subject to fatigue and error‘. Erinnern wir uns, dass James Powell aus dieser riesigen Publikationszahl nur insgesamt 7 Publikationen identifiziert hat, die er als ‚reject AGW‘ eingestuft hat, um daraus auf seinen >99,9% ‚Konsens‘ zu schlussfolgern.


In seiner neuen Arbeit hält sich James Powell nicht mehr mit den Abstracts auf, sondern schaut nur die Überschriften durch: „Instead, I read the titles, and when it appeared that an article might question AGW, I read the abstract and in some cases the article itself.“ Die beiden oben zitierten Sätze sind der Kern des Methodenteils der neuen Powell-Publikation. Eigentlich unglaublich, aber auch wieder frappierend ehrlich.


Und diese Ergebnisse erzielt Powell: „I found only a handful of articles whose titles left open the possibility that its authors might reject AGW, and on closer inspection none did.“ (Powell 2019). James Powell gibt dann noch ein Beispiel, was ziemlich bemüht wirkt.


Da James Powell mit dieser Methodik keine 2019er Arbeit identifiziert hat, die seinen ‚reject‘-Kriterien genügt, schlussfolgert er klar, dass der wissenschaftliche Klima-Konsens nun bei 100% angekommen sei. Diese Powell-Zahl schreibt er in die Überschrift, die BSTS veröffentlicht.



Kritik


Eine Kritik an Powell 2019 erübrigt sich fast, denn aus wissenschaftlicher Sicht ist eigentlich nur ein Umstand erstaunlich: Das eine ‚Studie‘, die aus dem Überfliegen von 11.602 Überschriften unter der Überschrift ‚Scientists Reach 100% Consensus on Anthropogenic Global Warming‘ tatsächlich veröffentlicht wird, kann man eigentlich nur als Skandal bewerten. Mit seriösem wissenschaftlichem Arbeiten hat dies jedenfalls nichts zu tun. Es ist nicht einmal eine echte ‚expert opinion‘.


Die Powellsche-Ein-Mann-2019-Überschriften-lesen-Arbeit als Beleg für einen 100%-‚Konsens‘ zu nehmen entbehrt jegliche wissenschaftliche Grundlage. Dankenswerterweise liefert diese Powell-Publikation aber die entscheidenden Hinweise darauf, dass seine beide vorherigen Publikationen (>99,99%-‚Konsens‘) tatsächlich auch nicht belastbar sind.

Trotzdem kann man auch von dieser Publikation etwas lernen: Powell behauptet ja tatsächlich nicht, dass die Daten der 11.602 Publikationen alle die AGW-Theorie stützen. Im Gegenteil, er beschreibt ziemlich deutlich, dass er für die Inhalte der Arbeiten keine Zeit hatte. Powell kontrolliert nur kursorisch die Überschriften und die damit verbundene ‚message‘. Und da kann man sicherlich mitgehen: In den Überschriften trauen sich die Autoren der 11.602 Veröffentlichungen auch 2019 nicht einen klaren Angriff auf die AGW-Theorie zu fahren – wobei hier auch noch die Spezifika des peer-review-process beachtet werden müssen. Gerade bei der Überschrift einer Studie fordern die peer reviewer oder editoren oft Änderungen zur originalen Einreichung. Powell schreibt auch nicht, dass die ‚Wissenschaft‘ (science) einen 100%igen ‚consensus‘ erreicht hätte, sondern er schreibt explizit von den ‚Wissenschaftlern‘ (‚scientists‘). Ein ganz gewaltiger Unterschied!


Trotzdem enthält Powell 2019 eine über eineinhalb Seiten ‚Einleitung‘ in welcher er über die Stärke des angeblichen wissenschaftlichen ‚Konsens‘ in der Klimafrage sinniert (oder sollte man schreiben fabuliert?). Und er schließt seine neuste Veröffentlichung mit dem folgenden Satz ab:


Denialists have long run out of excuses for inaction and humanity has almost run out of time.


Aus meiner Sicht ist dies kein Satz einer seriösen wissenschaftlichen Veröffentlichung, sondern muss schlicht und einfach als das bezeichnet werden, was die Editoren von BSTS niemals zur Veröffentlichung hätten zulassen dürfen: Agitation und Propaganda.



Re:look Fazit (Ergänzung III)


Die Powellsche-Ein-Mann-2019-Überschriften-lesen-Arbeit ist kein Beleg für einen 100%-‚Konsens‘ in der Klimaforschung. Im Gegenteil, sie entbehrt jeglicher wissenschaftlicher Grundlage und verstärkt die Kritik an seinen zwei vorherigen Veröffentlichungen.


Review (siehe auch Hauptteil)


Diese weitere Ergänzung unterlief aus Zeitgründen keinen Review. Das Gesamtwerk zum Thema ‚Klima-Konsens‘ steht weiterhin für einen offenen Reviewprozess zur Verfügung.



Referenzen



Powell (2015)

Powell JL (2015) Climate Scientists Virtually Unanimous: Anthropogenic Global Warming Is True Bulletin of Science, Technology & Society 2015, 35 (5-6) 121–124


Powell (2016)

Powell JL (2016) The Consensus on Anthropogenic Global Warming Matters Bulletin of Science, Technology & Society 2016, 36 (3) 157–163


Powell (2019)


Powell JL (2019) Scientists Reach 100% Consensus on Anthropogenic Global Warming Bulletin of Science, Technology & Society 2019, 37 (4) 183–184


Powell-Webseite

http://www.jamespowell.org/


Re:look (2018) Re-analysis of Powell (2015), Powell (2016):

https://www.relook-climate.de/post/klima-konsens-iii-ergänzungsteil-ii

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